Am 5. Februar 2025 fand im Green City Büro ein weiterer Vernetzungsworkshop statt, bei dem sich Menschen aus verschiedenen Einrichtungen in der Isarvorstadt trafen, um Maßnahmen und Workshopformate zur Förderung der Biodiversität im Quartier zu entwickeln. Der Fokus lag auf den Flächen der Einrichtungen, wie Schulen, der Glockenbachwerkstatt, dem Südgarten und anderen Flächen im (halb-)öffentlichen Raum.
Um den Austausch zu fördern und Ideen sowie mögliche Kooperationen zu entwickeln, stellten wir uns wie im Dezember in Giesing die folgenden Fragen:
“Welche kleinen und großen Projekte für den Klimaschutz oder die Biodiversität setzt du bereits privat oder in deiner Einrichtung um?”
“Welche Bildungsmaßnahmen oder Workshops möchtest du umsetzen? Wen oder was brauchst du dafür?”
“Gibt es schon Biodiversitätsmaßnahmen, die du konkret umsetzen möchtest?”
Die Teilnehmer*innen brachten viele spannende Projekte zur Sprache: Von einem Kompostprojekt an der Großmarkthalle bis hin zum Pflanzen von Obst- und Nussbäumen in der Glockenbachwerkstatt. Weitere Themen waren die Begrünung eines Dachs der Glockenbachwerkstatt, das Kultivieren bedrohter Pflanzen und die Entwicklung von Projekten zum Rückhalt von Regenwasser. Auch die Unterstützung für bereits bestehende Projekte wie den Südgarten wurde besprochen.
Hürden wie städtische Vorgaben, Wasserzugang und die Verfügbarkeit einheimischer Pflanzen wurden ebenfalls thematisiert. Außerdem gab es den Wunsch nach mehr Aufklärung über die Pflege von biodiversitätsfördernden Grünflächen und das richtige Anpflanzen von einheimischen Pflanzen.
Der Workshop war ein voller Erfolg. Viele Ideen und konkrete Projekte wurden angestoßen, die wir 2025 umsetzen wollen. Dazu laden wir Euch herzlich zu weiteren Planungstreffen im März 2025 und Workshops über den Frühling und Sommer verteilt ein. Wir freuen uns auf euren kreativen Input und eure Lernfreude in Workshops und euer Mitwirken bei der Umsetzung diverser Maßnahmen!
Am 5. Dezember trafen sich engagierte Menschen aus in Giesing ansässigen Institutionen und Einrichtungen, um sich zu vernetzen und gemeinsam potenzielle Maßnahmen zur Förderung der Biodiversität im Quartier zu entwickeln. Der Fokus lag dabei auf den Flächen der jeweiligen Einrichtungen, wie Schulen, dem Nachbarschaftstreff, Jugendzentren oder anderen öffentlichen Orten.
Um den Austausch zu fördern und Ideen sowie mögliche Kooperationen zu entwickeln, stellten wir uns folgende Fragen:
“Welche kleinen und großen Projekte für den Klimaschutz oder die Biodiversität setzt du bereits privat oder in deiner Einrichtung um?”
“Welche Bildungsmaßnahmen oder Workshops möchtest du umsetzen? Wen oder was brauchst du dafür?”
“Gibt es schon Biodiversitätsmaßnahmen, die du konkret umsetzen möchtest?”
Der Workshop war ein voller Erfolg! Es wurden nicht nur viele wertvolle Kontakte geknüpft, sondern auch zahlreiche mögliche Bildungsmaßnahmen und konkrete Projekte für die Flächen der Einrichtungen angestoßen. Diese möchten wir nun gemeinsam umsetzen und freuen uns auf die Zusammenarbeit im Jahr 2025. Geplant sind Maßnahmen zur Förderung der Stadtnatur, wie die Begrünung der Icho-Grundschule und des Nachbarschaftstreffs, sowie diverse Workshops zu Themen wie „Gärtner*innen-Know-how“, „Finanzierung und Fördermöglichkeiten“ oder dem Bau von Nisthilfen.
Die nächsten Workshops finden in unserem neuen Giesinger BioDivHub am St.-Quirin-Platz statt. Zu Beginn des kommenden Jahres laden wir Euch herzlich zu weiteren Planungstreffen und Workshops ein. Wir freuen uns auf Eure Ideen und eine rege Beteiligung!
Wenn man bei der Förderung der Biodiversität in Giesing mitmachen möchte, kann man jederzeit einsteigen. Bei Interesse, bitte Green City e.V. kontaktieren: biodiversitaet@greencity.de
Kaum ein anderer Lebensraum weist eine vergleichbare strukturelle Vielfalt auf und bringt einen so großen Artenreichtum hervor wie abgestorbene Bäume in ihren verschiedenen Verfallsphasen. Je nach Standort, Holzart und Exposition, ob Wurzel, Stamm, Borke, Rinde, Zweige, Zapfen und je nachdem wie das Holz eingebaut wird (stehend, liegend, auf Haufen oder als Wälle geschichtet), stellt es einen einzigartigenLebensraum für eine Fülle von Lebewesen dar. Deswegen sind die von Ökologen oft verwendeten Begriffe „Biotop- oder Habitatholz“ bezeichnender.
Der Anteil von Totholz an der gesamten Holzbiomasse in einem Urwald in Mitteleuropa liegt bei 10–30 Prozent, in Wirtschaftswäldern macht dieser Anteil häufig nur noch 1–3 Prozent aus. Für eine nachhaltige Waldwirtschaft, sowie für Natur- und Artenschutz brauchen wir viel mehr Habitatholzelemente – stehend und liegend, in allen Zerfallsphasen.
Jeder Habitatholztyp birgt charakteristische Lebensgemeinschaften und viele Rote-Liste-Arten sind auf diese speziellen Lebensräume angewiesen
An jede Zersetzungsphase sind spezialisierte Lebewesen gebunden: In der Pionierphase dringen erste Organismen wie Bock-, Borken- und Prachtkäfer sowie Holzwespen in den Holzkörper ein und ernähren sich von Rinde und Splintholz. Die Bohrlöcher von Larven fördern das Eindringen von Pilzen und weiteren Insekten. Pilze sind in der Lage Lignin und Zellulose, die Bestandteile des Holzes, abzubauen und aufzuschließen. Wenn die Myzelien, die Pilzfäden verschiedener holzbesiedelnder Pilze, den Stamm komplett durchwuchern, wird dieser immer weicher und morscher. Das Totholz erreicht einen zunehmenden Zersetzungsgrad, das Pilzgeflecht durchdringt das Holz und bildet wiederum die Nahrungsgrundlage zahlreicher Totholzinsekten wie Buntholzkäfer und Holzwespen, Fliegen und Mücken, Ameisen und Schmetterlingen. Diese locken ihrerseits wieder räuberische Nachfolger an, z.B. Feuer- und Schnellkäfer und verschiedene Wespenarten.
Holzbesiedelnde Pilze
In noch stehenden, besonnten Stämmen picken Spechte auf der Suche nach Proteinen die Stämme an und hämmern Höhlen für ihren Nachwuchs. Diese Höhlen werden von vielen weiteren Insekten, aber auch Vögeln wie Hohltauben, Kleibern, Meisen, Eulen, Staren und Säugetieren wie Fledermäusen, Eichhörnchen, Siebenschläfern, Mäusen, Baummardern, Wildkatzen u.v.m. genutzt.
Solche Höhlen können sich zu inneren Mulmkörpern in den Stämmen entwickeln, die einen speziellen Lebensraum für weitere Arten bilden. Diesen mürben Holzmulm bzw. dessen Hauptbestandteile Zellulose und Lignin werden von Pilzen und Bakterien humifiziert und mineralisiert. Das gesamte Bodenleben – Zersetzer und Räuber – bestehend aus Bakterien, Algen, Pilzen, Flechten, Geißeltierchen, Amöben, Wimpertierchen, Milben, Springschwänzen, Asseln, Fadenwürmern, Borstenwürmern, Regenwürmern, Insekten, Spinnen, Schnecken, Tausendfüßlern hinterlässt durch seine Ausscheidungen wertvollen Humus und Mineralstoffe, die den Nährboden für die kommende Baum- und Strauchgeneration bilden.
Holzmulm in einem hohlen Stamm
Auch hier begleiten spezialisierte Schnecken- und Insektenarten, aber auch Amphibien und Reptilien, diese letzte Phase im Leben eines Baumes. Die Erdkröte und die Waldeidechse suchen z.B. liegendes Totholz zum Sonnenbaden oder zum Überwintern auf. Auch Blindschleichen und Kreuzottern besetzen Baumhöhlen in Bodennähe gerne zum Überwintern und als Nistplatz
Mikroklimatische Besonderheiten von Totholz
Neben dem biologischen Reichtum ist das Habitatholz auch wichtig für den Erosionsschutz, das Mikroklima, die Wasser- und Nährstoffspeicherung und die Bodenbildung, die C02-Bindung im Kontext des Klimawandels, die Sauerstoffproduktion und die Luftfilterung.
Am Boden liegendes Totholz wirkt ausgleichend auf das Mikroklima in der Umgebung. Einerseits führen die dunkle Oberfläche sowie die geringe Wärmeleitfähigkeit von Holz dazu, dass es am und im Holz wärmer ist. Andererseits kann Totholz seine unmittelbare Umgebung auch vor Hitze schützen, da es infolge des erhöhten Wassergehaltes Temperaturschwankungen ausgleichen kann. Dadurch trocknet der Boden der Umgebung weniger rasch aus.
Schutz der wertvollen Habitatholz-Lebensgemeinschaften
Nur in Sachsen werden „höhlenreiche Einzelbäume“ und „totholzreiche Altholzinseln“ explizit geschützt.
In allen anderen Bundesländern besteht nur ein indirekter Schutzstatus, wie z.B. bei Streuobstwiesen, Wallhecken, Flurgehölzen und Bruchwäldern. Ein Schutz ist weiterhin über die FFH-Richtlinie (Lebensräume bedrohter Arten/4) oder nach Einzelanordnung oder -ausweisung zu erreichen.
Forstwirtschaft
Der inklusionistische Ansatz der Forstwirtschaft in Deutschland möchte den wirtschaftlichen und den gesellschaftlichen Nutzen, sowie alle ökologischen Funktionen, auch den Naturschutz, auf denselben Flächen realisieren. Deswegen wird ein großer Teil der Waldfläche Deutschlands forstwirtschaftlich genutzt und die ökologischen Belange dabei nicht genügend beachtet. Die meisten Bäume werden gefällt, bevor sie den natürlichen Alterstod sterben könnten. Die typischen Alters– und Zersetzungs-phasen fallen meist aus. Insbesondere der angestrebte Kronenschluss im Altersklassenwald verhindert das Entstehen von Lichtungen mit stärkerer Sonneneinstrahlung und damit die Vielfalt unterschiedlicher Lichtmosaike und Zersetzungsbedingungen.
Lange Zeit wurde aus Mangel an Brennmaterial der Wald „sauber“ gehalten, später kam die Ansicht dazu, den im Totholz lebenden „Schädlingen“ vorbeugen zu müssen.
Inzwischen gibt es eine Totholzempfehlung in der Biodiversitätsstrategie der Bundesregierung, die jedoch im föderalen System keine unmittelbare Gesetzeskompetenz besitzt.
Im Rahmen der Nationalen Biodiversitätsstrategie sollen 5% der Waldfläche in Deutschland dauerhaft unbewirtschaftet bleiben, was derzeit aber nicht einmal in Nationalparks verwirklicht wird. Es gibt aber zahlreiche Projekte und Förderungen des BfN, die auch den Lebensraum Totholz im Blick haben:
In den Forstrahmenplänen und Landschaftsplänen wird versucht, die Interessen von Naturschutz, Biodiversitätsschutz und Forstwirtschaft miteinander in Einklang zu bringen. Aufgrund der enormen Bedeutung für Waldökosysteme ist das Vorhandensein von Totholz ein wichtiges Kriterium. Für die Zertifizierung nachhaltiger Forstwirtschaft muss ein kleiner Prozentanteil der Fläche aus der Nutzung genommen werden und es gibt Leitlinien zum Erhalt eines Minimums starker toter Bäume .
Auf der Website der Bayerischen Landesanstalt für Wald- und Forstwirtschaft kann man sich über ein Naturschutz- und Forschungsprojekt zur Totholzanreicherung der TU München zusammen mit den Bayerischen Staatsforsten informieren: „Mehr Artenvielfalt durch mehr Totholz“
Totholz-Ersatzhabitate
Deswegen ist es unbedingt erforderlich, Ersatzhabitate in Wäldern, Grünanlagen und Gärten – auch in städtischen Quartieren – mit Laub, Gehölzschnitt, Wurzeltellern, Baumstämmen und -Scheiben zu schaffen.
Aus Gehölzschnitt lassen sich z.B. Benjeshecken als Sichtschutz und Gestaltungselement herstellen. Abgesägte Stämme können angelehnt oder eingegraben, natürliches stehendes Totholz nachahmen. Ein besonders dekorativer Blickfang und zugleich wertvoller und vielfältiger Lebensraum ist der mit einheimischen Wildarten bepflanzte Wurzelgarten, oder „stumpery“. Die vielen unterschiedlich exponierten Hohlräume schaffen Lebensräume für Sonnenanbeter wie für Schattenliebhaber.
Einen guten Überblick über natürliche und gebaute Totholzlebensräume in Wald und Garten geben u.a. diese Websites und Bücher
Zwar kennt man die Totholzhecken heute unter dem Namen „Benjeshecken“, nach Hermann Benjes, einem Landschaftsgärtner, der in den 1980er Jahren ein Flurbelebungskonzept mittels Feldhecken beschrieb. Aber sie sind ein uraltes Element in unseren Kulturlandschaften. Bauern lagerten ihr Schnittgut schon immer als Grenzmarkierung zwischen Weide- und Ackerland ab. Diese Einfriedungen boten viele Vorteile: Schutz vor Winderosion und Erhalt einer höheren Artenvielfalt. Auch in Frankreich, Belgien und England kennt man diesen durch Hecken geprägten Landschaftstyp (Bocage in Frankreich), wobei ihn je nach vorhandenen Material, auch Lesesteinwälle, Wallhecken und Knicks dominieren.
In Norddeutschland heißen die grünen Bänder Knicks. Bei ihnen handelt es sich meist um mit Sträuchern und Bäumen bestandene Erdwälle, die über Jahre hinweg wild wachsen und einzigartige Ökosysteme für zahlreiche Pflanzen und Tiere darstellen. Der Begriff „Knick“ leitet sich von dem Knicken von Zweigen und dünneren Ästen ab, was Höhen- und Breitenwachstum begrenzen soll.
Für eine Benjeshecke wird Totholz (Wurzel- und Stammteile, Äste, Zweige, Reisig) in Streifen oder als Wall locker gestapelt. Zwischen zwei Reihen von Pfählen werden Äste unterschiedlicher Dicke aufgeschichtet. So entstehen mehr oder weniger dichte, zaunartige Hecken. Baumstümpfe, Laub oder auch Rasenschnitt können mit verwendet werden.
Nach und nach werden die gebauten Hecken von den verschiedensten Tieren besiedelt: Vögel bauen darin ihre Nester, Igel finden Unterschlupf, und auch für etliche andere Arten bieten sich darin geschützte Winterquartiere. Außerdem ist es ein wahrer Tummelplatz für unzählige Käferarten, Regenwürmer, Asseln, Spinnen und Insekten. Man schätzt, dass ca. 8000 Arten (Pflanzen, Tiere, Pilze) auf Totholz als Habitat und Nahrungsquelle angewiesen sind.
Die ökologischen Funktionen dieser Hecken sind vielfältig und ähnlich wie bei anderen Totholz-Habitaten auch: Sie dienen als Unterschlupf, Nistplatz und Nahrungquelle. Sie wirken sich gut auf das Mikroklima aus, schützen die Umgebung vor Winderosion und verringern den Wasserverlust durch Beschattung und Verringerung der Verdunstung am Boden. Durch die Verrottung des liegenden Totholzes wird die Bodenstruktur durch Kohlenstoff-Anreicherung erheblich verbessert und es kann Humus aufgebaut werden.
Unser Gehölzschnitt trägt so zur Rekarbonisierung der Böden bei. Klimaschädliche Transportwege oder gar CO2-Emissionen durch Verbrennen entfallen.
Mit den Jahren begrünt sich die Hecke von selbst. Im Vogelkot abgesetzte Samen keimen, einige der verbauten Äste treiben aus und allmählich entsteht ein biodiverses kleines Ökosystem mit Licht- und Schattenzonen.
Benjeshecken-Workshop im Ökologischen Bildungszentrum (ÖBZ)
Einen ausführlichen Foliensatz zum Workshop von Konrad Bucher findet ihr hier
Angerottete Stämme und dicke Äste als Boden
Angerottete Stämme als Boden bieten zahlreiche Hohlräume und damit Lebensraum für viele Bodentiere, Pilze und Flechten.
Diese beschleunigen den Zersetzungsprozess und lassen nährstoffreichen Humus entstehen.
Bau einer Benjeshecke beim Workshop im ÖBZ
Die Robinienstämme sind in einem schönen Schwung im Boden verankert worden.
Benjeshecken können auch als kreative Land-Art-Elemente gestaltet werden. Die Akzeptanz der in aufgeräumten Gärten noch unüblichen Naturgarten-Elemente kann damit erhöht werden.
Helle Berberitzenäste sorgen für ein attraktives Streifenmuster
Beim Auffüllen mit verschieden farbigen Schnittgut entsteht ein attraktives Streifenmuster.
Literatur:
WERNER DAVID, 2020. Lebensraum Totholz: Gestaltung und Naturschutz im Garten. 4. Auflage. pala verlag gmbh
HERMANN BENJES, 1994. Die Vernetzung von Lebensräumen mit Feldhecken. 4., überarb. u. erw. Auflage. Natur & Umwelt-Praxis – Band 1. Bonn: Natur & Umwelt Verlag.
In der Juni 2024 Ausgabe von UmweltBriefe findet sich von Nicole Lamers ein umfangreicher, sehr informativer Artikel über BioDivHubs. Die UmweltBriefe sind ein unabhängiges Nachhaltigkeitsjournal, das seine Leser einmal im Monat über Trends und Perspektiven aus dem Nachhaltigkeits- und Umweltbereich informiert!
Biodiversität im Quartier Alle(s) für die Artenvielfalt
Städte sind mittlerweile zu einer Zuflucht für viele Arten geworden, deren ursprünglicher Lebensraum in einer von industrieller Agrarwirtschaft geprägten Landschaft stark schrumpft. Damit in Zeiten urbaner Nachverdichtung noch Platz für Biodiversität bleibt, braucht es neben größeren städtischen Biotopen möglichst viele kleinere Oasen der Artenvielfalt. Sie schaffen als „Trittsteine“ nicht nur Lebensraum, sondern dienen auch der Vernetzung. Wie das Schule machen könnte, erprobt München mit einem neuen Konzept im Verbundprojekt „BioDivHubs – Biodiversität ins Quartier“. Von Nicole Lamers
Nach dem Motto „Gesucht: Platz zum Überleben!“ ist in der Nachbarschaft am Ackermannbogen im Frühjahr 2024 ein Projekt gestartet, das einerseits auf das Problem des Artensterbens aufmerksam macht und gleichzeitig die Möglichkeit bieten will, selbst etwas dagegen zu tun.
Der Hintergrund: Die faszinierende Vielfalt der heimischen Pflanzen schwindet! Etwa 70 Prozent der Arten sind von einem rückläufigen Trend betroffen, viele sind sogar vom Aussterben bedroht. Eine Hauptursache dafür ist der Verlust von natürlichen Lebensräumen, zum Beispiel durch die chemieintensive Landwirtschaft oder die fortschreitende Urbanisierung. Dabei könnten auch in Siedlungsräumen auf öffentlichen und privaten Flächen gefährdete Wildpflanzen wachsen. Sie sind hier heimisch und oft besser an das Klima angepasst als viele der herkömmlichen Zierpflanzen. Laut einer Studie von Wissenschaftlern des Deutschen Zentrums für integrative Biodiversitätsforschung und der Universität Leipzig eignen sich etwa 40 Prozent der gefährdeten Wildpflanzen für die Kultur im Garten. Und etliche Arten, die z.B. gut an Trockenheit angepasst sind, gedeihen sogar auf dem Balkon. Das daraus entwickelte Konzept nennt sich Conservation Gardening und möchte das große Potenzial von Grünanlagen, privaten Gärten und Balkonen in Deutschland für den Naturschutz nutzen, und die Menschen in die Förderung der biologischen Vielfalt einbeziehen. „Es bedarf neuer Ansätze, die Mensch und Biodiversität nicht mehr als voneinander getrennte Aspekte betrachten. Conservation Gardening kann das gesellschaftliche Bewusstsein für die Biodiversitätskrise schärfen, während gleichzeitig partizipative Maßnahmen ergriffen werden, um dem Rückgang heimischer Pflanzenarten entgegenzuwirken“ so Prof. Staude, einer der Forscher aus Leipzig. Eine frei verfügbare App listet für jedes Bundesland die jeweils geeigneten Arten auf, macht Angaben über deren Standortansprüche und nennt sogar Bezugsquellen.
Unser Projekt: Im Quartier am Ackermannbogen nutzen wir das Conservation Gardening-Konzept als Türöffner, uns mit den heimischen und weitgehend unbekannten Pflanzen vertraut zu machen, indem wir ausgewählte Arten auf unseren Balkonen anpflanzen. Wir wollen dazu motivieren, die Vielfalt dieser Arten kennenzulernen, ihre Ansprüche und ihre Schönheit zu begreifen und ihre Eignung als Balkonpflanzen zu erforschen. Denn nur was man kennt, kann man schützen. Diese Aktion findet statt im Rahmen des vom Bundesamt für Naturschutz geförderten Verbundprojekts BioDivHubs, das zum Ziel hat, die biologische Vielfalt in den Stadtvierteln zu fördern und als erstes die Menschen dafür zu begeistern. Durch die Zusammenarbeit mit der TUM wird die Balkonaktion auch ein Citizen Science-Projekt: Es geht darum, herauszufinden, welche Pflanzen sich für die Pflege auf Balkon und Terrasse eignen und wie sich diese auf die Insektenwelt auswirken.
Zwischenstand: Dieses Jahr haben wir mit 20 Pflanzenarten begonnen. In Workshops und Vorträgen haben wir erfahren, wie die Pflege dieser Arten funktioniert und in welchen Kombinationen man sie für eine ansprechende Wirkung zusammenpflanzt. Letztlich beteiligen sich 60 Menschen mit ihren Balkonen und die Terrasse des Speisecafés Rigoletto an dem Projekt. Anfang Mai haben wir gut 400 Pflanzen und ca. 2 Kubikmeter Pflanzsubstrat verteilt. Jetzt wachsen die Pflanzen auf ihren Balkonen und werden von ihren Gastgeber:innen gepflegt und beobachtet. Wir treffen uns regelmäßig zum Austausch über die Pflege der Pflanzen und die Herausforderungen mit der Dokumentation der Beobachtungen. Zwischendurch sind wir unterwegs auf Exkursionen, um die Pflanzen an ihren natürlichen Standorten zu entdecken.
Am 29. Mai führt Konrad Bucher vom Quartiersverein Ackermannbogen eine besondere Blühwiese vor: Vor ein paar Jahren begannen wir damit, auf den Flächen vor dem StadtAcker Blühbereiche anzulegen. Mit der Ansaat der gewünschten Blumensamen ist aber nicht getan, denn die Entstehung einer artenreichen Blumenwiese hat ihre eigene Dynamik und braucht Zeit! Bisweilen muss man eingreifen und der Entwicklung nachhelfen. Bei dem einstündigen Rundgang am 29. Mai ab 19:00 Uhr nehmen wir die Blühbereiche genau in den Blick: Hat der Plan für die Blühwiese funktioniert? Welche Arten gedeihen inzwischen gut, an welchen Stellen müsste man nachhelfen? Wir sammeln Erfahrungen für die Anlage weiterer artenreicher Blühbereiche. Der Rundgang ist kostenfrei.
Im Mai 2024 war es so weit – das Quartier am Ackermannbogen bekommt Zuwachs von 30 besonderen Pflanzenarten! Sie sind zwar alle einheimisch und könnten auch von Natur aus hier wachsen. Tun sie aber leider nicht – denn fast alle sind selten oder sogar gefährdet. Es sind die Arten, die wir im Rahmen des Nachbarschaftsprojekts „Naturschutz auf dem Balkon?“ ausgewählt haben. Ausgewählt aus der langen Liste gefährdeter Pflanzen, die die Wissenschaftler für den gärtnerischen Anbau empfehlen. Das Konzept nennt sich Conservation Gardening und hat zum Ziel, das gesellschaftliche Bewusstsein für das Artensterben zu schärfen. Natürlich sind viele Arten aus dieser Liste sehr anspruchsvoll und kaum erhältlich, aber manche davon eignen sich eben auch für den Blumentopf auf dem Balkon!
Unser Ziel war es anfangs 10-15 Balkonbesitzer:innen zu finden, die Lust haben, die besonderen Arten kennenzulernen und sich an dem Projekt beteiligen. Mit der Plakataktion „Platz zum Überleben gesucht!“ warben wir um interessierte Pflanzenfreunde. Jetzt sind 60 Balkone dabei! Wir haben insgesamt ca. 400 Pflanzen bestellt, die jetzt nach und nach ankommen. Sehr aufregend! Aber wir sind gut vorbereitet – haben uns in Workshops genau damit befasst, welche Standortansprüche die Pflanzen haben, in welchen Kombinationen man sie pflanzen kann und welche Substrate sie brauchen (s. Titelbild). Als nächstes treffen wir uns zu den Pflanzaktionen. Wir werden die Entwicklung der Neuankömmlinge beobachten und darüber berichten. Sicher haben auch weitere Nachbarn Interesse am Naturschutz auf dem Balkon. Fürs nächste Jahr ist die Fortführung geplant.
Wenn es um die Bepflanzung unserer Gärten geht, sind wir oft auf der Suche nach dem Besonderen, nach neuen Arten, die noch nicht jeder kennt und die eine optimale Eignung für die Verwirklichung unsere Gartenträume mitbringen. Der Reiz liegt nicht selten im Unbekannten: Arten aus fernen Gegenden heben sich ab von unserem heimischen Grün, die prächtigen Exoten bereichern unsere Gartenkultur. Viele dieser neu eingeführten Arten haben sich längst etabliert. Unverwüstlicher Kirschlorbeer, üppige Hortensien und eleganter Fächerahorn prägen das Bild unserer kultivierten Natur, egal ob in der Stadt oder auf dem Land. Spätestens seit der Nachricht vom Insektensterben wissen wir zwar, dass die heimischen Pflanzenarten wichtig sind als Nahrungsquelle für Insekten und Vögel. Trotzdem: Wer von uns weiß, wo heute die ursprünglich heimischen Margeriten noch blühen? Wer kennt das Taubenkropfleimkraut und den Wiesenbocksbart, hat schon mal den Diptam oder Graslilien in freier Wildbahn gesehen? Wohin sind sie verschwunden? Warum ist es nicht so einfach, die Einheimischen in unsere Grünräume zurückzuholen? Wir kennen diese Arten nicht mehr, wissen wenig über ihre Bedürfnisse und ihre Bedeutung, sie sind die neuen Exoten.
Im Vortrag von Annette Berger „die neuen Exoten“ am 21. März 19h erfahren wir mehr über die unbekannten Heimischen, welche Rolle sie für das ökologische Gleichgewicht spielen. Und umgekehrt: welche Folgen hat die Ausbreitung der neuen, sogenannten invasiven Arten? Was genau bedeutet eigentlich heimisch und nicht heimisch? Und welche Rolle spielen wir dabei – was können wir tun, um den Artenreichtum der uns umgebenden Natur zu fördern?